Der Wortträumer

Roman

von Matthias Müller Kuhn

2011/ 324 Seiten



Der ungewöhnliche Lebensweg des jungen Dichters Marius Merz


Ist das Leben ein Traum? In einer kalten Winternacht setzt sich der Dichter Marius Merz auf eine Bank an der Limmat in Zürich, schlägt die Hände vors Gesicht und weint. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt, er solle über die Brücke gehen und einen Roman schreiben. In einer nahegelegenen Bar beginnt er seinen Lebensweg aufzuzeichnen:

Wie er in seiner Jugend die Gabe des Dichtens entdeckt und manchmal im Geist fortfliegt, wie er mit Anna, seiner grossen Liebe, einen Sturm erlebt und in einer Schlucht Gott erfährt, wie er nach Paris flieht, als Soldat in den Schweizer Bergen die Waffe verweigert und von einem Militärgericht freigesprochen wird, wie er nach Wien auswandert und am Burgtheater in einen Traum verwickelt ist, der Wirklichkeit wird, wie eine Frau ihn für ihren im zweiten Weltkrieg erschossenen Vater hält, wie er auf der Suche nach sich selbst hinter den Eisernen Vorhang reist in ein Dorf, wo er in einer Ikone Trost findet, wie er in einer Gefängniszelle einer rumänischen Kaserne beschliesst, Mönch zu werden, aber erst am Bosporus an der äusserten Grenze Europas umkehrt, wie er an einer Klosterpforte in Oberbayern zuerst abgewiesen wird, dann mit den Mönchen lebt und beten lernt, in einem Deckengemälde durch den Himmel schwebt, dann Hals über Kopf das Kloster verlassen muss und bei einer Musikerin Unterschlupf findet, wie er mit Friedrich Hölderlin durch die Wälder des Neckartals streift, wie er wahrhaftig in einem Wiener Kaffeehaus Rainer Maria Rilke trifft, dessen Elegien immer in seinem Ohr klingen, wie er dem Tod begegnet und am Ende das Gedicht schreibt, von dem er immer geträumt hat:





Der Wortträumer ist ein Buch voller Rhythmus, Bilder und Farben, ein Roadmovie über einen ungewöhnlichen Weg, ein Zeitgemälde der frühen 80er Jahre, eine Geschichte, die um die tiefen Fragen des Menschseins kreist und von Dichtung und Wahrheit erzählt.

Textprobe:


Anfang des Romans



Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Diese drei Fragen stehen in schlichter Handschrift auf dem Umschlag des Notizheftes, welches Marius aus der Innentasche seiner Jacke zieht. Er sitzt unter einem in gelben Herbstfarben leuchtenden Baum am Waldrand, von wo sich der Ausblick auf die schon weiss verschneiten Berge öffnet. Als er sein Notizheft aufschlägt, beginnen die feinen, blauen Linien wie Wellen eines Sees auf dem Papier zu tanzen.

 „Was soll ich schreiben?“ denkt Marius, unschlüssig einen Kugelschreiber in seiner Hand haltend. Noch vor einem Jahr wusste er nichts von der Faszination und der magischen Kraft der Sprache, das Verfassen von Aufsätzen in der Schule war für ihn eine qualvolle Angelegenheit. Die Wörter legten sich quer und wollten sich ihm nicht fügen. Plötzlich aber, es kam überraschend und mit überwältigender Wucht, entdeckte er die Sprache als eine Quelle, auf die er zufällig im Gestein des Alltags gestossen war. Sie begann sofort zu sprudeln, schoss als schmale Fontäne in die Höhe und hörte nicht auf zu fliessen. Neben dem beglückenden Gefühl, etwas äusserst Kostbares gefunden zu haben, kamen ihm Zweifel, ob er fähig sein würde, dieses wundersam strömende Wasser der Sprache zu fassen und etwas davon aufzufangen.

   Marius beginnt zu schreiben, er sucht nicht lange nach Worten, sie kommen von alleine, fliessen und strömen. Wie in einem beglückenden Rausch, in dem sich die Welt zu einer kleinen, goldenen Kugel verdichtet, fliegt sein Kugelschreiber übers Blatt. Die hohen, thronenden Berge neigen sich zu ihm herab, das im Wind raschelnde Laub flüstert in sein Ohr, die Erdschollen der frisch gepflügten Felder hüllen ihn ein mit dem Duft von Erde, die Sonne streift über seinen Handrücken und wirft blaue Schatten.

   Marius schliesst das Notizheft, steht langsam auf und lässt seinen Blick noch einmal über die weitläufige Landschaft gleiten bis hin zu den in der einsetzenden Dämmerung langsam versinkenden Bergen. Auf dem schmalen Fusspfad geht er in den Wald hinein, bis er sein Fahrrad erreicht, das er an einen Holzstoss gelehnt hat. Er schwingt sich aufs Rad, fährt auf der asphaltierten Strasse über den unbewachten Bahnübergang den leicht ansteigenden Hügel hinauf, bis er sein Zuhause erreicht.