Seelenfenster

eine Reise durch die Landschaft der Seele


mit Bildern von Marc Chagall, Jakobsfenster im Fraumünster Zürich
von Matthias Müller Kuhn
Auswahl aus den 120 Gedichten des Seelenfensters



3. (II)

Was für ein Ausblick
durch mein Seelenfenster!
Ich schaue über hingehauchte Hügel
und sanft abfallende Täler,
auf Brücken über uralte Flüsse.
Mein Zögern wird zu den verborgenen
Quellen zurückgetragen: Landschaft,
welche sich nach innen öffnet,
hat ihre eigene Tiefe überstiegen.
Von Wolken der Fügung verhangen,
in klärendem Morgenglanz,
staune ich nur hinaus.





6. (II)

Wir gehen hinauf
durch die sanft ansteigenden Täler.
Bäume begleiten uns,
aus deren Schatten wir trinken.
Gärten schmiegen sich
an die geschwungenen Wege,
manchmal hängen Früchte
an kühn sich uns entgegenbiegenden Ästen.
Sie haben ihre Fülle aufgespart,
um unser endlich ausgesprochenes
Verlangen zu stillen.
Noch höher hinauf geht es,
dass wir über der Hügelkuppe
unserer Herzen die auf uns wartenden
Sterne erblicken.





13. (II)

Es bleibt dir jetzt
zu tanzen aus der aufgehenden Knospe
dieses verspäteten Frühlings.
Ihr schlafenden Kräfte der Erde, erwacht
und verliert euch in den vielen
sich entfaltenden Blättern!
Ihr findet euch wieder in der hellen,
nach Vollendung duftenden Pracht.
Farben wirbeln,
Blüten überschlagen sich beinahe.
Jener Schritt in den Himmel geschwungen
bringt den Kosmos ins Drehen,
dass der ferne, schon verloren geglaubte Stern
in den Kelch einer vor Begeisterung
glänzenden Blume fällt.




11. (III)

Sing dich hinein
ins nie endende Lied der Sterne.
Ein aus Stille geformtes Wort
verliert sich auf deinen Lippen:
Leise, mit Flügeln beginnender Klänge
berührst du die äussersten Ränder der Erde,
selbst die Berge münden
in den Strom unendlichen Gesangs.
Die Meere ergeben sich
mit jeder Welle mehr
dem grossen, von feinen Melodien
getragenem Rauschen.
Dein Ohr lässt die Begrenzungen los
und die Rundung gleitet
in immer weiteren Kreisen
in den Klang hinein.




27. (III)

Jetzt gilt es,
Abschied zu nehmen
und auf das Wiederkehrende zu vertrauen.
Nichts geht verloren,
schlafe ein und schliesse die Augen!
Von deinen Lidern fliegen
die guten Gedanken auf.
Das Laub bedeckt die Wege,
vom Sommer träumend und flüstert
mit deinen Schritten, wenn du gehst:
Vergiss die Erde nicht,
nimm die Erinnerungen hinüber,
dass im Innersten der Bilder
das Leben nie erlischt.




15. (IV)

Der Weg ins Traumland geht
durch die hingestreute Lichtsaat
der Wirklichkeit. Die Gedanken werden
schwer, wenn plötzlich der Berg
messbarer Zeit sich auftürmt.
Wie viele Stunden hast du schon abgetragen?
Immer noch stehst du fassungslos
vor dem Übermass bevorstehender Tage.
Lass dich ein
ins Blühen unangekündigter Augenblicke,
ins Dämmern der Worte,
ins unausgesprochne Hereinbrechen der Nacht,
ins Aufblühen der Liebe und ins dunkelnde
Rauschen von Blättern im Wind:
Träume den Weg,
bis er leicht wird.