Zugeflogen mit frohen Flügeln

zweihundertacht deutsche Haiku

von Matthias Müller Kuhn

mit Bildern von Maria Isliker   

2004 / 86 Seiten

                                                                                 noah - verlag                                                                                   

Zugeflogen mit frohen
Flügeln pickt Körner
der Weisheit kleines Gedicht 

 

Auf einmal ist es da, das kleine Gedicht. Es fliegt aus einem Augenblick heraus und setzt sich auf meine Hand. 
Das kleine Gedicht ist verschwiegen. Es legt jedes Wort auf die Goldwaage. Als würde eine einzige Silbe ein Vermögen kosten, zählt es mit fast übertriebener Sorgfalt seine Ausgaben.
Das kleine Gedicht wandert durch die Jahreszeiten: Im Frühling lässt es sich überhäufen von Blüten, im Sommer trocknet es aus in der Hitze, im Herbst fällt es mit den Blättern von den Bäumen, im Winter sitzt es in der warmen Stube, während draussen der Wintersturm wütet. 
Das kleine Gedicht tastet sich in die Landschaft der Herzen vor und erlebt Glück, Trauer, Freude und Schmerz zusammen mit den Menschen, die ihm Aufmerksamkeit schenken. 
Im Augenblick bin ich zuhause, sagt das kleine Gedicht. Nimm dir für mich Zeit, ich werde dir zeigen, dass in jedem Moment, dem du achtsam begegnest, eine Ewigkeit verborgen liegt. 
Geniesse mich, lasse mich in deinem Ohr verklingen. Lass mich dich begleiten auf deinem Weg, doch halte mich nicht fest, lasse mich fortfliegen mit frohen Flügeln, mich kleines Gedicht.

Frühling


(1)
Heimkehrende Vögel
leihen leuchtende Flügel
dem Lächeln des Frühlings


(2)
Im Blütenbaum tanzt
der weisse Gipfel des Berges
leicht auf meinen Wimpern

 
(3)
Vögel rufen die Erde wach
ein leuchtender Zweig weist
unaufhörlich zur Sonne hin


Lebensweisheit 

 
(4)
Wie Wasser fliessen Stunden
dem Strohhut schau ich nach
wann ins Meer gespült

(5)
Beginne nicht die Sterne
zu zählen – die Nacht
wäre längst vorbei

 
(6)
Rauch der Kamine
verliert sich in den Wolken
wo sind wir zuhause

Sommer

(7)  
Schatten den ich mied
in dieser Sommerhitze
wird mein bester Freund
  

(8)
Verblühte Blüten
macht Platz den Kommenden
der Sommer ist noch lang
 

(9)
An einem Faden hängt
der Sommer – ein Gewitter
reicht und er reisst ab

Kinder 

 
(10)
Welch schöne Aussicht
das Kind ruft staunend schau
die Ameise im Gras
 

(11)
Der Greis und der Bub
mit einem Zahn beissen
beide nicht in den Apfel 
 
 
(12)
Mein Kind kriecht lachend
von der Blume zum Falter
um die ganze Welt

Herbst 

(13)
Unbekümmert und froh
sitzt der Schmetterling
auf der welken Rose
  

(14)
Der Tag nimmt ab
Schale des Lichts wird leicht
auf der Jahreszeiten Waage

 
(15)
Ein kalter Morgen
des Herbstes im weissen Hauch
atmen wir Licht ein

Winter 


(16)
Zwei Äpfel hängen
noch am kahlen Baum – wie oft
mussten sie Abschied nehmen


(17)
Wie spät es ist
im Nebel verschwinden
die Zeiger der Kirchturmuhr


(18)
Der Drache – verloren
im letzten Sommer
hängt im kahlen Baum



 

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