Pro Lyrica Neuerscheinung Geschenkband


Lyrikband ‹Frohes Wortgewebe›; Hundertzwanzig textile Gedichte; mit 20 Meisterwerken der Malerei von der Renaissance bis zur Moderne; Hardcover mit Lesebändchen, Klebebindung, 228 Seiten; ISBN 978-3-907551-46-2 Verkaufspreis: Fr. 32.–; Erstverkaufstag: 19.9.14;

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Frohes Wortgewebe

Aus wie vielen Fäden ist dein Leben gewoben Freudenfäden glitzern im Licht Schmerzfäden ziehen sich manchmal durch schwere Stunden hingehauchte Himmelsfäden verknüpfen irdische Zeit mit einem flatternden in einem Augenblick


Eine Auswahl aus hundertzwanzig Gedichten


Ich tauche ein in ihren Blick

ein goldener Schimmer fliesst in den Falten

der Tücher die um ihr Haar geschlagen

sind vor ihrem Gesicht ist ein unsichtbarer

Schleier vielleicht aus Tränen gewoben

die einem Geheimnis entspringen

sie schaut hindurch und Räume beginnen

zu klingen zwischen ihr und mir

der Glanz der von den Sternen zu stammen

scheint wölbt sich leuchtend über ihre Augen

und fällt als inniges fast singendes Verstehen

in die Rundung der Perle an ihrem Ohr


Mädchen mit Perle, Vermeer





Gelbe Sonnenblumenblätter verneigen sich

schleudern im Tanz ihre vielen hellen

Hände in die Höhe springen

sich umarmend hoch und werfen sich zu Boden

um sich nachher aufzurichten strecken ihre Arme

empor und berühren sich in den flammenden Spitzen

nur die Vase bleibt stumm und umfasst

die wild sich bewegenden bis zur Verzückung

sich hingebenden Tänzerinnen

die sich müde jetzt sinken lassen

vor Erschöpfung ihre Köpfe neigen und verwelken

verzehrt vom Feuer der Begeisterung


Sonnenblumen, Vincent van Gogh



Er ist ein Wort Wanderer

und sammelt den Schimmer der abends

langsam von den Dingen schwindet

zwischen den Seiten seiner Bücher

streift ein Flügel die Augenlider

und schenkt tieferen Einblick

in das sich bunt immer neu

webende Geschehen der Welt

bis eine Ahnung im hellen engelgleichen Kleid

sich in seinem Ohr zur Ruhe legt möge

er heute noch über den frisch verschneiten Hügeln

der Träume ein neues Sternbild beschreiben


Bildnis Rainer Maria Rilke,

Paula Modersohn-Becker



Zwei Hände formen einen Raum

die Fingerspitzen berühren sich kaum

gelöst wie in einem Traum fort schwebend

streben die schlanken Pfeiler in die Höhe

und halten behutsam den Augenblick

dass er würdevoll schreite unter dem

nie zu Ende gedachten Gewölbe

durch die vielen Durchblicke der

Zwischenräume hindurch jetzt fallen

die Bogen die Tore und hohen Fenster

ins Innerste des Herzens andere Hände

lassen die Kathedrale neu entstehen


la cathédrale, Auguste Rodin





Schweigen müsste ich und

nur mit Zeichen andeuten

was ich fühle ob ein zart

aufblühendes Blumenbeet meiner

Hoffnung oder die sanft sich

wiegenden Blätter an den Sträuchern

meiner Sehnsucht wer hat

die Wege angelegt schwarze

Bedeutungsbäume an denen

wie hingehaucht mit zarten

Farben der Sinn schwebt verstehst du‘s

wenn du diesen Park betrittst



Park bei Lu, Paul Klee


Solche geraden Linien gibt es

in Wirklichkeit nicht erst wenn sie in Schwingung geraten entstehen Hügel aus Licht

Flussläufe in den Zwischenräumen der Zeit

sternenweit offene Täler

selbst die Wimpern beginnen zu vibrieren

und hätte das Schauen Flügel

flöge es über blaue Demutsfelder

streifte den klar begrenzten Denkhorizont

umkreiste den roten Leidenschaftsberg

der dich durch einen haarscharfen Lichtstrahl

von deiner uralten Angst befreit



Barnett Newmann, who is afraid

Stimmen zum Frohes Wortgewebe:


Die Bildergedichte
«Die Transformation von Bildideen in Lyrik in sensibler Art, existentiell interpretierend. Oft ist das Bild Anlass. Bild und Wort erzeugen die Atmosphäre eines neuen, kleinen Planeten, einerMärchenwelt ähnlich, aber doch nicht, eine Welt, poetisch selbstverständlich mit Vergleichen, so verknüpfend, Parallelen schaffend und auch die Wortverknüpfungen im Wort selber, ‹Hoffnungssonne›, ‹Sinnhügel›, aber eher in sparsamer Weise. (‹Ohren trockne aus wie leeren vergessenen Tälern›, ‹Glassplitter einer zerbrochenen Hoffnung›.) Klänge spielen eine grosse Rolle. Notiert die verschiedenen Töne in den verschiedenen Klangräumen. Bäche flüstern, Wipfel wistern – doch die Wortklänge, Wortblumen verwelken im Strassenlärm. Bilderreich. Im Augenblick balancierend wie auf einem grossen Ball. Eine beachtliche Sammlung besonderer ‹Wortblumen›. Aber fraglich, ob sie beachtet werden. Stringent und zugleich sprachlich weich. Gedankennetze, um Wortwolken zu fangen. Metasprache.»


August Guido Holstein Lektor der Gedichte in hochdeutscher Sprache



Klingende Wortgewebe

«Wenn in einem Gewebe auch nur ein Faden nicht stimmt, ist der ganze Eindruck gestört. Es kommt ein Gefühl von fehlerhaft auf. In den klingenden Wortgeweben von Matthias Müller Kuhn kommt dieses Gefühl nie auf. Jede Zeile ist stimmig, ein Faden im Gewebe des Ganzen; kommt Klang und Rhythmus dazu. Wir lesen eine Zeile, zwei Zeilen – und werden mitgenommen in einen besinnlichen, fröhlichen, tänzerischen Klangrhythmus. Die bildhafte Sprache weckt eigene innere Bilder, schon darin möchte man verweilen. Aber der Dichter setzt sie auch noch in Bezug auf Gemälde von berühmten Künstlern – was zu einer weiteren Ebene des Erlebens einlädt. Hundertzwanzig textile Gedichte, immer zu zwölf Zeilen – so ist die poetische Welt des Dichters in

diesem Werk aufgebaut, hat Struktur – und nimmt so nochmals den Gedanken von textiler Struktur auf. Das ist hilfreich – denn die Gedichte wollen erlebt und erfahren werden, jedes einzelne. Und so beginnt der Weg mit textiler, klangvoller und rhythmischer Poesie – vielleicht dauert er 120 Tage lang? Auf jeden Fall wird es ein Weg mit neuen Erlebnissen, aber auch vertrauten Erfahrungen.»


Ruth Rechsteiner Journalistin BR, Erwachsenenbildnerin