Frühe Gedichte

von 1980 bis 1986

Gedichte aus dem Roman "Der Wortträumer"

Tempellieder - 1980


Nachfolge

Lass mich dorthin gehen, wo die weissen Wurzeln sind,
wo die Berge wie Altäre in den Himmel ragen.
Lass mich der Wintereremit sein,
in das Schneegeflecht deines Bartes gehüllt.

Jetzt ist Herbst.
Die Wälder glühen durch das Ende der Frucht,
die Gräser legen sich nieder auf
auf die kalte, todgetränkte Erde.

Lass mich noch ein Wort erwidern,
noch eine Hand ins Feuer legen.
Dann gehst du mir voran,
eine ferne, weiss vermummte Wolke.

Im Schatten eines Engels - 1986


Ein Abendbild

Sachte lösen die Hügel ihr dunkles Haar,
im Spiegel steht noch der alte Tag.
Das letzte Licht zaubert übers Tal
den schimmernden Schleier, den sie zögernd ergreifen. 

Geschmückt schon, in stummer Erwartung,
als der Abend sich neigte und der Fluss
in sanften Bändern sich verlor, sanken sie
in diese tiefen Betten zu traumlosem Schlaf.

Die Brücke

Die Brücke schwingt sich leicht über den Fluss,
der sein Gesicht zu zahllosen Gefühlen
hingerissen immer wandeln muss.
Über die vielen Lächeln gleiten Vögel

und spannen einen Bogen von dem einen
zu dem anderen Ufer. Ich gehe hinüber
wie im Traum: Es klingt von meinen
Schritten übers Wasser hin.

Liebeslied

Geliebte, du musst immer fern im Schlafe
weinen, gelöst in eines Engels Lächeln
rührst du innen an meine Stirn
und rinnen Tränen in den tiefen Traum.


Du hebst zögernd deines Schosses Becher
und neigst ihn durch Schleier mir zu.
Goldene Blumen fliessen aus dem Strauss,
der von wehem Leid gebunden war.

Bilder von Emil Nolde

© 2011 Copyright by Matthias Müller Kuhn